Special Reports / Wer hat heute Angst vor den Roma?

Eine Fassade der Multikulturalität

Andrzej Szahaj · 24 June 2014
Assimilation verursacht Leid, indem sie den Menschen befiehlt, jemand anderer zu sein, als sie fühlen, als sie sind. Wie sehr eine Person sich auch bemüht – sie wird doch nie als als „vollwertiges Mitglied” der Gruppe anerkannt werden, zu der sie gehören möchte. Währenddessen kann es geschehen, dass sie auch von den Mitgliedern der Gruppe, aus der sie kommt, nicht mehr als „vollwertig“ angesehen wird. Und schlussendlich steht sie allein da.

In voller Gänze wurde uns das Übel der Assimilation erst recht spät bewusst, irgendwann in den 1960er Jahren, und damals keimte auch eine Idee auf, die ihre Entfaltung erst einige Jahrzehnte später fand: Lassen wir die Menschen sie selbst bleiben, befehlen wir ihnen nicht, so zu werden wie die Dominierenden. Die Geschichte von der Multikulturalität war geboren, als Arznei gegen die Leiden von Minderheitengruppen in einer fremden Umgebung.

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Jede Gruppe soll das Recht haben, ihre kulturelle Andersartigkeit auszudrücken und zu pflegen. Ein schöner und edler Gedanke. In vielen Ländern nahm er die Gestalt einer entsprechenden Gesetzgebung an, besonders in denen, die nicht ohne Grund Einwanderungsländer genannt werden (z. B. Kanada, Australien). In anderen entstand eine Praxis nicht nur der breiten Toleranz gegenüber kultureller Verschiedenheit, sondern sogar ihrer aktiven Unterstützung durch entsprechende Bildungsprogramme in Schulen, durch die Finanzierung der Tätigkeit ethnischer Verbände und die Schaffung entsprechender Lehrstühle für Studiengänge zum Thema ethnischer und kultureller Minderheiten.

Doch die Idylle hielt nicht lange an. Schnell zeigte sich, dass die hinter dem Programm der Multikulturalität stehende Überzeugung, dass es gelänge, Menschen aus unterschiedlichen Kulturen zu einem Leben in Harmonie anzuleiten, sich nur dann bewährt, wenn die Unterschiede nicht über das hinausgehen, was die tolerantesten Vertreter der im gegebenen Territorium dominierenden Gemeinschaft zu ertragen imstande sind. Es stellte sich heraus, dass diese Unterschiede nicht nur die Früchte einer angenehmen Verschiedenheit von Sprachen, Kleidung, kulinarischen Gewohnheiten oder Musiktypen tragen, die reichen Großstädtern auf der Suche nach dem sanften Kick des Andersartigen aus sicherer Ferne gerade recht sein mögen. Und man verstand, dass diese Verschiedenheiten häufig Probleme betreffen, die um einiges stärkere Emotionen wecken, wie z. B. den Platz der Religion im Leben der Gemeinschaft, die sexuelle Ethik, die Geschlechterbeziehungen, den Umgang mit Kindern, die Arbeitsdisziplin, das Hygieneniveau, die bürgerlichen Sitten oder das Verhältnis zum öffentlichen Raum. Da, als die Verschiedenartigkeit ihre wahre Macht erreichte, verlor sie ihren ganzen Reiz für die Konsumenten ihrer oberflächlichen, folkloristischen Erscheinungsbilder. Unter der multikulturellen Fassade kam die alte Wahrheit zum Vorschein, dass der Hausherr entscheidet, welches Verhalten des Gastes angemessen ist und welches nicht. Und es konnte wohl auch nicht anders sein.

Ich träume von einer Situation, in der die Roma in Polen nicht mehr stigmatisiert werden. Aber auch davon, dass bei ihnen keine Gesetze mehr mit Zwang durchgesetzt werden müssen. So, dass der Staat in Anerkennung der Multikulturalität und die Roma im Bewusstsein ihrer Rechte und Pflichten sich auf halbem Wege treffen.

Andrzej Szahaj

Es ist naiv zu glauben, die Mehrheit in einer an bestimmte Regeln, Bräuche und Überzeugungen gewöhnten Gesellschaft könnte sich damit abfinden, dass einige wenige Minderheitengruppen deren radikale Andersartigkeit publik machten. Umso mehr, als diese Regeln, Bräuche und Überzeugungen ihre Spiegelung im Rechtssystem finden mussten. Und hier geraten wir an einen entscheidenden Punkt. Jedes Recht ist ein Konstrukt, das sich auf bestimmte kulturelle Überzeugungen stützt, von denen ein Teil offen in ihm artikuliert wird, während ein anderer Teil selbst für die Gesetzgeber verdeckt bleibt. Es lässt sich nicht künstlich ein Recht herstellen, das in kohärenter Weise radikal voneinander abweichende kulturelle Überzeugungen vereinen würde. Aber deswegen gibt es auch keine Möglichkeit, dass die Vertreter von Minderheitengruppen damit rechnen könnten, alle ihre Verhaltensweisen und Bräuche vom gegebenen Staat toleriert zu sehen. Was bedeutet das für die Roma? Das, was es für alle Minderheitengruppen in einem Land bedeutet, das sich von der fatalen Ideologie des Assimilationismus losgesagt hat und nun offen oder verdeckt irgendeiner Form der Ideologie der Multikulturalität huldigt, wobei es gleichzeitig seine Gesetzgebung im Auge behalten muss.

Im konkreten Fall der Roma in Polen träume ich von einer Situation, in der die Idee der Multikulturalität tatsächlich zu funktionieren beginnt und die Roma nicht mehr stigmatisiert werden. So wie man in den Einwanderungsländern, zu denen Polen ja allmählich aufschließt, anfängt, die kulturelle Andersartigkeit von Minderheiten als Wert zu behandeln, den es zu achten, zu pflegen und zu fördern gilt. Dann werden die Roma bald nicht mehr denjenigen als modellhafter „Anderer“ dienen, welche die Geschlossenheit ihrer Gruppe durch die Kreierung eines imaginären Feindes festigen wollen.

Aber ich träume auch von einem Zustand, in dem die Roma Zwangslagen für den Staat vermeiden, in denen er keinen anderen Ausweg hat, als sie zur Anerkennung seiner Gesetze zu zwingen, selbst dann, wenn diese im Widerspruch zu ihren Bräuchen stehen (z. B. ein Verbot von Kinderehen durchzusetzen, obwohl die Roma-Tradition diese heiligt). Ich hoffe, dass der Staat in Anerkennung der Multikulturalität und die Roma im Bewusstsein ihrer Rechte – aber auch Pflichten – sich auf halbem Wege treffen – um Formen der Koexistenz zu bestimmen, die einerseits den Roma so viel Freiheit wie irgend möglich gewähren und andererseits die Sicherheit garantieren, dass diese Freiheit nicht die für alle geltenden Rechtsvorschriften überschreitet. Nur auf diese Weise kann es gelingen, die erhabenen Ideale der Multikulturalität und der Staatsangehörigkeit zugleich zu bewahren.