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Wir agieren in einer staatsähnlichen Realität

Mit Hanna Radziejowska sprechen Jarosław Kuisz und Karolina Wigura · 13 August 2018

Manchmal habe ich den Eindruck, dass in Polen verschiedene Reenactment-Gruppen herrschen: als verfemte Soldaten, Ulanen [eine hist. Kavalleriegattung, Anmerkung d. Ü.] oder Dissidenten des März 1968 Verkleidete, die durch die Straßen ziehen und Streik oder Schießen auf die „Feinde des Vaterlands“ spielen. Wir reden uns ein, dass wir die konkreten Probleme von 2018 durch die Erzählungen unserer Großeltern aus Kriegszeiten oder unserer Eltern aus dem Kommunismus ergründen können.

 

Jarosław Kuisz, Karolina Wigura: Sie waren kaum ein halbes Jahr im Amt, als Sie von der Position der Direktorin des Polnischen Instituts in Berlin wieder abgesetzt wurden. Tat das weh?

Hanna Radziejowska: Natürlich, aber das spielt keine Rolle. Ich bin nicht die erste und werde nicht die letzte sein. Solche Dinge passieren, das sollte man nicht dramatisieren. Die Episode in Berlin ergänzte allerdings viele der Reflexionen aus meinen früheren Erfahrungen mit öffentlichen Einrichtungen in Polen. Kurz gesagt: Es geht darum, dass wir in einer Realität agieren, die kein Staat ist, sondern ihm lediglich ähnlich sieht. Die Welt der Ämter unterliegt zu oft einer Parteien-, geradezu einer Stammeslogik und inhaltliche Kriterien spielen nur eine Rolle unter vielen.

Genau das haben Sie auch in Berlin gesehen?

In Berlin und in Warschau, an verschiedenen Orten meines bisherigen Arbeitslebens. Meine Abberufung aus Berlin war nicht deshalb schmerzhaft, weil ich entlassen wurde, sondern aufgrund ihrer Form. Außerdem deshalb, weil jegliche offizielle Erklärung für diese Entscheidung ausblieb. Versuchen Sie bitte, darauf aus der Perspektive von jemandem zu schauen, der sich bemüht, państwowiec [wortwörtlich Staatsmann; Anhänger von Reformen des öffentlichen Sektors zur Errichtung einer nachhaltig funktionierenden Bürokratie, Anmerkung d. Ü.] zu bleiben und Institutionen zu gestalten, indem er sich auf inhaltliche Spielregeln stützt. Eine solche Situation kann wirklich eine schwierige Erfahrung sein.

Woran denken Sie genau?

Ich habe mich einen Monat lang bemüht, herauszufinden, welche Gründe hinter der Entscheidung meiner Abberufung stehen und erhielt schließlich den Teil einer Korrespondenz zwischen hohen Beamten des Außenministeriums. Daraus ging hervor, dass „mein Wirken noch größeren Schaden für die polnischen Interessen anrichten könnte“, da ich mich mit einem deutschen Journalisten getroffen hatte, „der bekannt für seine negative Einstellung zu den aktuellen Veränderungen in Polen und ein Teil der deutschen medialen Hetzjagd ist“. Es tauchte auch der Vorwurf auf, der Ehemann einer Person, die ich mit einem Dienstvertrag angestellt hatte, sei auf Instagram aktiv und veröffentliche dort Bilder von KOD-Demonstrationen vor der polnischen Botschaft in Berlin.

Wie haben Sie darauf reagiert?

Mit Verwunderung. Ich dachte, meine Aufgabe wäre es offen zu sein und einen Dialog zu führen. Mit dem erwähnten deutschen Journalisten traf ich mich, um über das Institutsprogramm zu sprechen, das war noch vor meiner Abberufung. Während der Arbeit beurteile ich, ob jemand inhaltlich gut ist und professionell arbeitet, und nicht, welche politische Einstellungen oder Verbindungen die Person oder gar ihre Familie hat.

Haben Sie irgendwann eine Begründung für ihre Abberufung bekommen?

Ich habe nie eine offizielle formelle oder sachliche Begründung erhalten. Daraus kann man schließen, dass die Gründe auf Verleumdungen basieren und nicht auf einer inhaltlichen Analyse meiner Tätigkeit. Das einzige Dokument, das ich vor meiner Kündigung gesehen hatte, war eine positive Einschätzung des Botschafters.

Was war also passiert?

Ende 2017 wurde ich dringend nach Warschau zu einen „klärenden Gespräch über Schwierigkeiten bei der Zusammenarbeit“ gerufen. Während dieses Gesprächs erfuhr ich u. a., dass es skandalös sei, dass ich plane, den Film „Wołyń” von Wojciech Smarzowski zu zeigen. Jemand mit herausgehobener Position im Außenministerium sagte, der Film sei „außergewöhnlich antipolnisch“ und zeige den Deutschen Polen „als ein bäuerliches Land und das würde ihnen Genugtuung verschaffen“. Da begann ich zu verstehen, dass die Beurteilung konkreter Filme durch konkrete Personen im Ministerium tatsächlich nicht besonders rational erfolgt, auf Basis der Unterscheidung zwischen „außergewöhnlich antipolnisch“ und „in Übereinstimmung mit der polnischen Staatsräson“. Ich verstand – das muss ich ehrlich zugeben im Zusammenhang mit einem der Interviews, das ich in Berlin gegeben habe -, dass in der Kulturdiplomatie und in der öffentlichen Diplomatie so etwas wie Parallelwelten existieren.

Was bedeutet das?

Ich habe nie eine „schwarze Liste“ mit Künstlern erhalten und es wurde mir versichert, dass auch keine existiert. Unter den Direktoren der Polnischen Institute waren auch solche, denen es erlaubt war, den erwähnten Film „Wołyń” zu zeigen oder z. B. Olga Tokarczuk einzuladen. Im Laufe der Zeit merkte ich allerdings, dass in Gesprächen Verbote ausgedrückt werden, wie in dem von mir erwähnten Gespräch über den Film „Wołyń”. Oder ein bestimmter Direktor wurde blockiert, da er aus irgendeinem unklaren Grund keine Akzeptanz mehr durch die aktuelle Direktion des Außenministeriums erfuhr. Ich nenne das „reglementierten Pluralismus“.

Ende 2017 wurde ich dringend nach Warschau zu einem „klärenden Gespräch über Schwierigkeiten bei der Zusammenarbeit“ gerufen. Während dieses Gesprächs erfuhr ich u. a., dass es skandalös sei, dass ich plane, den Film „Wołyń” von Wojciech Smarzowski zu zeigen.

Hanna Radziejowska

Diese Situation erinnert in extremer Form daran, wie heute die öffentliche Debatte geführt wird, nämlich indem der Gegner beleidigt und beschimpft wird. Der eine ist Verräter und Hinterwäldler, ein anderer Patriot und Europäer. Man beurteilt nicht die Werke von jemanden; nicht das, was er zu sagen hat und schon gar nicht seine Kompetenzen, man fällt nur ein Urteil. Das recht freie Agieren einiger für die Vermarktung Polens im Ausland zuständigen Beamten (mit der vor kurzem abberufenen Małgorzata Wierzejska an der Spitze), das die Emotionen eines Teils der regierenden Eliten ausdrückte, hat dazu geführt, auf der ganzen Welt die öffentliche Meinung effektiv davon zu überzeugen, dass der Oscar-Preisträger Pawlikowski in seiner Arbeit blockiert wird. Und erst nach dem Erfolg seines neuen Films „Zimna Wojna“ in Cannes stellte sich heraus, dass zu dem Zeitpunkt, als der Film „Ida“ bekämpft wurde, das Ministerium für Kultur und nationales Erbe (eigentlich das Polnische Institut für Filmkunst) seinen neuen Film finanziell gefördert hatte.

Was erstens zeigt, dass sich das regierende Lager uneinig ist und zweitens – einen dramatischen Mangel an Kommunikation.

Das ist die „staatsähnliche“ Wirklichkeit. Ich sehe sie jetzt unter der PiS-Regierung, aber ich habe sie auch in verschiedenen Szenen in den „vergangenen acht Jahren“ auf der kommunalen Ebene und in öffentlichen Institutionen unter PO-Verwaltung gesehen. Wenn der Staat sehr schwach funktioniert, dann verschwinden objektive Mechanismen, die die Grundsätze der Zusammenarbeit regeln, es verschwinden inhaltliche Bewertungskriterien, und diese werden ersetzt durch ideologische Gegensätze: Es entstehen Intrigen und von Inhalten losgelöste Abhängigkeiten. Ich erinnere an die Handlung der Serie „Artysci“ (Künstler) aus der Zeit vor „dobra zmiana“ [der gute Wandel, Anmerkung d. Ü.], unter der Regie von Monika Strzępka und Paweł Demirski. Dort ist der Grund für den Kampf der in der Stadt Herrschenden mit dem Theaterdirektor nicht, dass man den ein oder anderen im Theater tätigen Künstler nicht mag, sondern er beruht darauf, dass es einen geheimen Plan gibt, das Theater zu schließen, um einem Bekannten des Oberbürgermeisters einen großen Bauauftrag zuzuschanzen.

Illustration by Joanna Witek

Einverstanden. Aber die Schwierigkeit besteht ja darin, dass heute, obwohl die Mechanismen vor 2015 genauso ausgesehen haben mögen, die Wirkung eine andere ist: Damals verbesserte sich das Image Polens schrittweise und konsequent. Heute hingegen können wir von einer Imagekatastrophe sprechen. Es gibt also einen fundamentalen Unterschied.

Ich erkläre das so. Ich gehörte einst zum Kreis des Museums des Warschauer Aufstands, dessen Handeln von Wohlwollen gegenüber dem Staat geprägt war und so ist es sicherlich heute noch. Als ich vor meiner Abreise nach Berlin von Bekannten hörte, dass es wenig sinnvoll sei die Reise anzutreten und dass mir nichts gelingen werde, glaubte ich das nicht. Ich nahm an, dass diejenigen, die so reden, das konservative Millieu nicht kennen. Ich erinnerte mich an die Präsidentschaft Lech Kaczynskis, der konservative Ansichten hatte aber gleichzeitig eine ungewöhnlich offene Person war und dem der Aufbau starker, über den Parteien stehender Institutionen ein Anliegen war. Zu den Seminaren über Polen in Lucień lud er Personen aus unterschiedlichen Millieus ein, mit unterschiedlichen Weltanschauungen. Allein in Warschau haben wir als Beispiele der Wirksamkeit seiner Arbeit das Centrum Nauki Kopernik (Kopernikus Wissenschaftszentrum), das Dom Spotkań z Historią (Haus für Begegnungen mit der Geschichte), Polin (Polin – Museum für die Geschichte der Polnischen Juden), eine starke Unterstützung für Theater (Teatr Rozmaitości – Theater der Vielfalt) und das Muzeum Powstania Warszawskiego (Museum des Warschauer Aufstands). Die zweite PiS, d. h. die Partei, die 2015 an die Macht zurückgekehrt ist, scheint mir eine völlig andere Welt zu sein.

Sie sprechen über die Verwaltung insgesamt und nicht über einzelne Vorkommnisse – gab es denn in Berlin andere Situationen, ähnlich der anlässlich Ihrer Abberufung?

Ende November 2017 bereiteten wir als Polnisches Institut gemeinsam mit der Stiftung Topographie des Terrors eine Diskussionsrunde über die Initiative deutscher Aktivisten, Politiker, Künstler und Wissenschaftler vor, die in Berlin ein Denkmal für die polnischen Opfer der deutschen Besatzung in Polen errichten wollen. Diese sehr interessante und schöne Initiative des pensionierten Beamten Florian Mausbach rief in Deutschland eine lebhafte Debatte hervor. Einerseits wurde das Ausmaß der deutschen Verbrechen in Polen thematisiert, andererseits gab es eine Diskussion um das geringe historische Wissen der Deutschen zu dem Thema, außerdem wurde die Frage erörtert, Polen als eigene Kategorie unter den Opfern des Krieges zu führen. Für viele war klar: Sollte es gelingen, dieses Denkmal zu errichten, dann könnte es eines der wichtigeren Orte für die deutsch-polnischen Beziehungen in Berlin werden. In der deutschen Hauptstadt gibt es ähnliche Orte, die gleichzeitig Erinnerungsort und Ort der Bildung und Kultur sind. Wäre eine solche Initiative nicht wichtig für die polnische Staatsräson? Mit dieser Überzeugung bat ich eine hochrangige Person aus dem Ministerium um ein Gespräch, um herauszufinden, was die Regierung darüber denkt. Die Antwort kam voller Verwunderung: „Hat nicht die Gazeta Wyborcza über dieses Denkmal berichtet? Wenn sie wohlwollend über diese Initiative schreiben, heißt das nicht, dass sie schlecht für die polnische Staatsräson ist?“ Diese Anekdote offenbarte mir einen sehr wichtigen Mechanismus, der entgegen dem Anschein auf beiden Seiten der politischen Auseinandersetzung vorzufinden ist. Wir glauben der „anderen Seite“ grundsätzlich nicht, und selbst die zuverlässigste Information wird als unwahr betrachtet, wenn sie in der falschen Zeitung steht. Da braucht man sich nicht zu wundern, dass Denunziationen zu glaubwürdigeren Informationsquellen werden als offizielle Kanäle.

Heute arbeitet im Außenministerium allerdings eine völlig andere Mannschaft. Jemand anderes ist für die Polnischen Institute verantwortlich. Denken Sie, dass es dadurch tatsächlich zu Veränderungen kommt?

Nach meinem Dafürhalten hat sich schon etwas geändert. Wir werden sehen. Wir sollten hoffen, dass die neue Führung der Abteilung nicht nur über das Programm neu nachdenken wird, sondern auch über die organisationelle und finanzielle Situation der Polnischen Institute. Der Kreis an Leuten, der 2015 an die Macht kam, sprach viel über die Notwendigkeit, seit Jahren vernachlässigte Geschichten zu erzählen, zum Beispiel die Geschichten der Familie Ulma, von Jan Karski und von Irena Sendler. Sie wollten ein universelles und ungewöhnliches, aber noch weitgehend unbekanntes Erbe in die Öffentlichkeit bringen. Die Regierenden sagten sich also 2015: „Lasst uns damit anfangen.“ Diese noble Idee hat aber nicht zu sehr vielen praktischen Tätigkeiten geführt, hauptsächlich aufgrund von Geldmangel und schlechter Organisation.

Trat dieses Problem erst vor zwei Jahren oder schon früher auf?

Zu Zeiten der PO-Regierung wurden die meisten Polnischen Institute adminitrativ mit den Botschaften zusammengelegt. Dadurch verloren sie ihre eigene Infrastruktur und selbständiges Handeln wurde begrenzt. Die PiS führt diese Entwicklung fort. Das Gesamtbudget für Programm und Verwaltung des Instituts in Berlin, das ja noch eine Filiale in Leipzig hat, sowie des Instituts in Düsseldorf beträgt ca. sechs Millionen Złoty und ist damit genauso hoch wie das Budget eines Kulturzentrums in einem der 18 Warschauer Stadtteile! Wenn wir alles zusammenzählen – Verwaltung, Gehälter usw. aller 24 Polnischen Institute auf der Welt, dann haben wir … knapp 40 Milionen Złoty, von denen lediglich ca. 20 Prozent für die Programmarbeit ausgegeben wird. Polen gibt also für die öffentliche und die kulturelle Diplomatie auf der ganzen Welt jährlich acht bis zehn Milionen Złoty aus. Dem Polnischen Institut in Stockholm steht für ganz Schweden ein Budget zur Verfügung, das so hoch ist wie das Budget eines Kulturzentrums in einem Stadtteil von Lublin. Aber im Unterschied zu diesem Kulturzentrum verfügt es über keine Infrastruktur: keine Veranstaltungsräume, kein Filmsaal, keine Gästezimmer. Aus diesem Budget müssen deshalb noch die Miete für Räumlichkeiten bestritten werden, die Übernachtungskosten für Gäste usw. Selbst in der Volksrepublik Polen verfügten die Institute über Gebäude mit entsprechenden Einrichtungen. Heute haben alle Institute außer denen in Berlin, Düsseldorf und New York eine gemeinsame Buchhaltung mit den Botschaften. Das ist, als ob der Direktor eines Kulturzentrums – der, so wie es das Gesetz vorschreibt alleine strafrechtlich haftbar für die Institution ist – alles im Rathaus abrechnen müsste, und jeden Vertrag und jede Rechnung unterschreibt der Bürgermeister. So führt die Dritte Republik die Polnischen Institute. Und erst wenn man das weiß, kann man versuchen, die Arbeit der früheren Direktoren und das was vorher war, ehrlich zu beurteilen.

Das Gesamtbudget für Programm und Verwaltung des Instituts in Berlin, das ja noch eine Filiale in Leipzig hat, sowie des Instituts in Düsseldorf beträgt ca. sechs Millionen Złoty und ist damit genauso hoch wie das Budget eines Kulturzentrums in einem der 18 Warschauer Stadtteile!

Hanna Radziejowska

Gleichzeitig wurde schon, als noch die PO regierte, davon gesprochen, dass das Image Polens in der Welt unbedingt verbessert werden muss.

Nach 2015 sprach man entschlossener darüber, die polnische Sprache in den Ländern zu fördern, in denen es viele Migranten aus Polen gibt. Zweisprachigkeit ist schließlich ein Kapital. In Berlin gibt es viele Polen, die sich sehr gerne ihrer Muttersprache widmen und die möchten, dass ihre Kinder diese lernen. Das Absurde ist, dass das Gesetz, dass die Tätigkeiten der Polnischen Institute regelt, so konstruiert ist, dass die Institute keine Sprachkurse anbieten und auch keine Sprachzertifizierungen durchführen können. Sie dürfen nicht wirtschaftlich tätig werden, d. h. wenn in einem Institut Sprachkurse angeboten werden, dann entweder von einer Nichtregierungsorganisation oder von einer privaten Firma.

Im Instituto Cervantes kann man allerdings Spanisch lernen und im Goethe-Institut Deutsch…

Es gibt sechs Mal so viele Goethe-Institute wie Polnische Institute, und das Budget ist 50 Mal so hoch, außerdem steckt da eine Infrastruktur dahinter. Die gesamte Organisationstruktur dient dazu, dass die Institute effektiv, sachlich und nachhaltig arbeiten können.

Ist der Einfluss des Auswärtigen Amts auf die Goethe-Institute vergleichbar dem Einfluss in unserem Fall?

Die Goethe-Institute arbeiten unter der Oberhoheit des deutschen Auswärtigen Amts, aber dieses hat nicht den direkten Einfluss auf ihre Tätigkeit wie es das polnische Außenministerium hat. Goethe-Institute können auch wirtschaftlich tätig werden. Es gibt Mechanismen, die vor solchen Eingriffen, wie wir sie in Polen haben, schützen. Sie unterscheiden sich nämlich vom Grundsatz her von den diplomatischen Vertretungen. Ein Diplomat führt Gespräche und repräsentiert die Regierung. Ein Institut, das den Kulturbegriff sehr weit auslegt, besteht jedoch aus einem Team, einem Programm und langfristig geplanten Projekten, die von dem Team und dem Direktor realisiert werden. Das plötzliche Abberufen eines solchen Direktors ist nicht gleichzusetzen mit der Abberufung eines Diplomaten, der seine Aufgaben einfach an seinen Nachfolger übergibt. Im Fall einer kulturellen Einrichtung bedeutet das den Abbruch eines langen Prozesses, in dem Vertrauen aufgebaut wurde, in dem Projekte und Programme durchgeführt wurden.

Heißt dass, das die Polnischen Institute, um in den Worten eines bestimmten Politikers zu sprechen, nur theoretisch existieren?

Hier berühren wir das größte Übel Polens, wenn wir über die Reform des Staats nachdenken. Noch nie hat sich eine Gruppe darüber Gedanken gemacht, dass, egal was man erschaffen möchte, immer die Förderung einer guten Managementkultur und institutionelles Denken erforderlich ist. Dass bestimmte Mechanismen notwendig sind, die vor Intrigen schützen und die die Fähigkeit zum nachhaltigen Wirken erst ermöglichen. Ein moderner Staat ist eine Welt von Behörden und Institutionen, in denen Verwaltungshandeln nicht daraus besteht, Anweisungen und Befehle wie in der Armee zu geben oder wie in einer Fabrik Aufgaben zuzuteilen, wie das in den Polnischen Instituten der Fall ist. Gutes Verwalten heißt, Visionen zu haben, gute Energien aufzubauen, an Beziehungen zu arbeiten, Probleme zu lösen sowie Verantwortung zu übernehmen, und außerdem in längeren Zeiträumen zu denken. Und das wäre besonders wichtig in den Polnischen Instituten, wo Programmplanung und Budgetierung in Dreimonatsschritten geschieht.

Man kann den Eindruck gewinnen, dass in den meisten kommunalen und staatlichen Kultureinrichtungen in Polen 60-70 Prozent der Arbeitszeit für die Lösung interner Probleme, für Konflikte und Intrigen verlorengeht. Die restlichen 30 Prozent können dann der inhaltlichen Arbeit gewidmet werden.

Noch nie hat sich eine Gruppe darüber Gedanken gemacht, dass, egal was man erschaffen möchte, immer die Förderung einer guten Managementkultur und institutionelles Denken erforderlich ist. Dass bestimmte Mechanismen notwendig sind, die vor Intrigen schützen und die die Fähigkeit zum nachhaltigen Wirken erst ermöglichen.

Hanna Radziejowska

Wir möchten Sie gerne nach Ihrer Erfahrung gerade in kommunalen Einrichtungen fragen. Sie haben ja einige Jahre in verschiedenen Warschauer Institutionen gearbeitet.

Die bereits erwähnte Serie „Artyści” (Künstler) beschreibt die Verhältnisse sehr treffend. In einigen Stadtteilen Warschaus lassen sich die Mitglieder des Gemeinderats leicht mit der Anstellung von Familienmitgliedern in kommunalen Einrichtungen oder Gesellschaften “verführen”. Damit werden sie zu Geiseln, wenn es um Abstimmungen und Kämpfe zwischen den Fraktionen geht. Vor kurzem wurde ein Gemeinderatsmitglied für den Widerstand bei einer Abstimmung damit “bestraft”, dass seine Mutter ihre Arbeit als Bibliothekarin in einer Schule verlor. Vor einigen Jahren stimmte ich der Einstellung einer Person nicht zu, die mir von den lokalen Machthabern vorgeschlagen wurde. Das Ergebnis war ein derartiges Mobbing mir gegenüber, dass ich die Arbeit kündigte. Überall dort zeigt sich eine einfache Wahrheit: Wenn es um die Bewirtschaftung öffentlicher Gelder geht, haben nicht immer hochrangige Eltern recht, die meinen, ihre Kinder wären die Begabtesten und sollten deshalb öffentliche Einrichtungen führen. Und Ehepartner beurteilen die Fähigkeiten ihrer Partner nicht immer objektiv. Wir werden keinen effektiv arbeitenden Staat aufbauen, wenn wir unser Denken in diesen Angelegenheiten nicht ändern. Das müssen wir lernen und damit anfangen, private von öffentlichen Angelegenheiten zu trennen.

Ein Anhänger von “dobra zmiana” [der gute Wandel, Anmerkung d. Ü.] würde das so ausdrücken: Wir sind gerade am Reparieren, und weil die Versäumnisse so groß sind, muss man alles komplett zerstören und alle entlassen. Wir beginnen ganz von vorne, insofern ist eine Phase des Durcheinanders zulässig.

Ich verwende mal eine Metapher aus der Luftfahrt. Die Leitung einer Institution kann man mit dem Fliegen eines Segelflugzeugs vergleichen. Damit das Flugzeug fliegt, muss unbedingt ein Gleichgewicht zwischen vier Kräften gefunden werden: zwischen Gravitation – der die Schwerfälligkeit von Institutionen entspricht; dem dynamischen Auftrieb, d. h. der Vision, dem Programm; der Schnelligkeit, also dem fähigen Team bzw. dem erfahrenen Direktor; und dem Widerstand, d. h. der Bürokratie.

Wenn hier inkompetente und ideologisierte Personen herrschen, dann erinnert das an das unkontrolierte Lenken des Segelflugzeugs in einem Luftwirbel. Die Überzeugung, dass man eine Abkürzung nehmen kann, ist kontraproduktiv. Denn es gibt ja im staatlichen Leben keine einzige Abkürzung. Der Aufbau eines guten Images Polens beruht auf harter und jahrelanger institutioneller Arbeit und gleichzeitigem demokratischen und sachlichen Handeln in Wissenschaft und Kultur. Und bei uns sieht alles immer aus wie in “King Julien”, dieser Trickfilmserie, in der King Julien sagt: “Machen wir schnell, bevor wir merken, dass es keinen Sinn hat.”

Was also – abgesehen von einer Budgeterhöhung für die Polnischen Institute – müsste passieren, um diese Situation zu ändern?

Die Diskussion dreht sich oft darum, ob die Institute dem Außenministerium oder dem Ministerium für Kultur und Nationales Erbe unterstehen sollen. Wesentlich wäre es aber, die Institute so zu organisieren, das einerseits eine Programmgestaltung möglich ist, andererseits ein Schutz vor menschlichen und parteigeleiteten Schwächen und Fehlern gewährleistet ist. Außerdem beruht ein Teil der Probleme der Institute auf einem nicht zu lösenden Konflikt zwischen den Bedürfnissen der Leiter der diplomatischen Vertretungen, die die Institute für ihre laufenden Geschäfte brauchen und den Bedürfnissen der Institute, deren Glaubwürdigkeit von einer stetigen und mehrjährigen Programmplanung abhängt. Wenn also jemand die Institute vor Erschütterungen des Ansehens schützen möchte, dann müsste er auf der einen Seite unabhängige Handlungsmöglichkeiten herstellen, und auf der anderen Seite die Bedürfnisse der diplomatischen Vertretungen berücksichtigen und sie durch mehr Personal und ein höheres Budget stärken.

Wenn der Staat sehr schwach funktioniert, dann verschwinden objektive Mechanismen, die die Grundsätze der Zusammenarbeit regeln, es verschwinden inhaltliche Bewertungskriterien, und diese werden ersetzt durch ideologische Gegensätze: Es entstehen Intrigen und von Inhalten losgelöste Abhängigkeiten. Hanna Radziejowska

Ein wichtiges Problem kommt noch hinzu. Die Arbeit im Polnischen Institut machte mir bewusst, worauf das Missverhältnis einer Anstellung von Personen nach polnischem oder deutschem Recht beruht. Das deutsche Arbeitsrecht schützt die Arbeitnehmer so, das eine eventuelle Kündigung gigantische finanzielle Folgen für den Arbeitgeber haben kann. In Polen kann man jemanden in einem Monat oder in drei Monaten ohne Konsequenzen einfach so entlassen. Wenn z. B. von oben die Anweisung kommt: “Oh, hier ist jemand, der für die Gazeta Wyborcza oder die Gazeta Polska gearbeitet hat, bitte entlassen.”, wie viele Leute werden dann den Mut haben, dem zu widersprechen? Jemand mit Empathie würde antworten: “Ok, aber das wird schwierig, die Person hat ein Kind, Familie”, usw. Aber in Einklang mit dem Arbeitsrecht müsste es heißen: “Die Person arbeitet sehr gut, ich habe nichts gegen ihre Ansichten und möchte sie behalten. Und das ist meine Entscheidung als Direktor.”

Es ist verwunderlich, das in Polen, dem Land von „Solidarnośc” und Johannes Paul II., das Arbeitsrecht den Einzelnen so wenig schützt und deshalb die Bürger- und Freiheitsrechte einschränkt. Glauben wir tatsächlich, dass dies keine Konsequenzen für unsere Demokratie und auf unser Verhalten hat?

Das Problem, das bestand, als die PiS an die Macht kam, war, dass viele Leute von den Unzulänglichkeiten der dritten Republik frustriert waren und sie reformieren wollten. Aber das Vorgehen der PiS stellt alles auf den Kopf, verursacht Chaos, das nicht nur zerstörerisch wirkt, sondern auch die Begeisterung dafür nehmen kann, irgendetwas zu verbessern.

Manchmal habe ich den Eindruck, dass in Polen verschiedene Reenactment-Gruppen herrschen: als verfemte Soldaten, Ulanen [eine hist. Kavalleriegattung, Anmerkung d. Ü.] oder Dissidenten des März 1968 Verkleidete, die durch die Straßen ziehen und Streik oder Schießen auf die „Feinde des Vaterlands“ spielen. Wir reden uns ein, dass wir die konkreten Probleme von 2018 durch die Erzählungen unserer Großeltern aus Kriegszeiten oder unserer Eltern aus dem Kommunismus ergründen können. Ob nun das linke oder das rechte Millieu in Polen, alle sind wir aufgewachsen mit und umgeben von ikonischen Ereignissen der polnischen Geschichte. Verkleidet mit bestimmten Worten und Gesten, die das Verständnis für die sehr schwierigen und tatsächlichen Probleme mit der polnischen Demokratie und Staatlichkeit verschleiern. Andere Demokratien auf der Welt haben auch schwere Krisen durchlaufen. In den 1970er Jahren kämpften die Amerikaner um die Pressefreiheit. In den 1980er und 1990er Jahren bekämpften die Italiener die sizilianische Mafia. Als die Amerikaner sich mit ihrer Demokratiekrise befasst haben, sprachen sie nicht davon, dass es jetzt das Jahr 1862 ist und der Sezessionskrieg wütet. Und die Italiener erwähnten nicht die Sizilianische Vesper und den Überfall der Franzosen im Jahr 1299. Reenactment-Gruppen lösen nicht unsere Probleme hier und heute.

Sie klingen wie eine symetrystka. [Zuschreibung von Journalisten für Personen, die im politischen Streit in Polen „in der Mitte“ bzw. über den Dingen zu stehen scheinen; Anmerkung d. Ü.]

Nein, nicht symetrystka, nur państwowiec. Es gibt viele, die unseren Staat ernst nehmen und es gibt die Sorge um das Gemeinwohl auf allen Seiten des politischen Streits. In der kommunalen Verwaltung in Warschau, in öffentlichen Einrichtungen, in den Stadtteilen, bei Abteilungsleitern und sogar auf höherer Ebene, unter den Ministern und Bürgermeistern gibt es Personen, die – im vollen Bewusstsein ihrer Grenzen – sich bemühen, ein kleines Stück normales Polen zu schaffen. Das kann ein Bereich in einem Stadtteil sein, eine Abteilung in einem Ministerium oder ein Kulturzentrum. Ein Stück Normalität, in dem es um das Gemeinwohl geht und es keine Rolle spielt, ob jemand nicht heteronormativ ist, ob er den Rosenkranz betet oder die Gazeta Wyborcza abonniert hat, ob er die Bücher von Bronisław Wildstein liest, bei Demonstrationen des KOD mitmarschiert oder an den Veranstaltungen zur Erinnerung der Katastrophe in Smoleńsk teilnimmt. Beurteilungen beruhen an solchen Orten auf Kompetenz. In einem solchen Umfeld kann man inhaltlich und professionell arbeiten, sich sicher fühlen und sich entwickeln.

Man kann den Eindruck gewinnen, dass in den meisten kommunalen und staatlichen Kultureinrichtungen in Polen 60-70 Prozent der Arbeitszeit für die Lösung interner Probleme, für Konflikte und Intrigen verlorengeht. Die restlichen 30 Prozent können dann der inhaltlichen Arbeit gewidmet werden. Hanna Radziejowska

Glaubt die Rechte noch an die Möglichkeit, einen gemeinsamen Staat aufzubauen?

Für viele war die Katastrophe in Smoleńsk ein entscheidender Moment. Dort starben państwowcy [Erläuterung s. Frage 2, Anmerkung d. Ü.], u. a. Lech Kaczyński, Władysław Stasiak und Tomasz Merta. Ich erinnere mich an ein Bild aus dem April 2010: russische Polizisten, die achtlos die Särge mit den sterblichen Überresten der Passagiere der Tupolew auf einen Lastwagen werfen. Damals hatte ich den Eindruck, dass mein Staat in Stücke geschlagen wird.

Die Erfahrung von Smoleńsk und ihre Nachwirkungen im öffentlichen Leben (z. B. ungerechte Entlassungen und das “politische” Beschneiden von Zuwendungen) haben unter den Anhängern der rechten Seite der politischen Szene die Überzeugung wachsen lassen, dass es keinen Sinn hat, einen gemeinsamen Staat mit denjenigen zu schaffen oder zu reformieren, die, wie es Włodzimierz Cimoszewicz im April 2010 sagte, “die Ermittlungen führen, als ob es um den Einbruch in eine Garage geht.”

Ohne die Überzeugung, dass wir einen neuen Staat gründen müssen, ist es aber, so glaube ich, nicht möglich, diesen Staat zu reformieren. Schlechte Mechanismen kann man nicht mit schlechten Praktiken und mit Inkompetenz reparieren. Um aus dem Smoleńsk-Trauma herauszukommen, muss der Państwowcy-Ethos in das öffentliche Handeln zurückkehren. Gerechtigkeit macht einen Staat aus, nicht Rache. Gerechtigkeit ist der Rückhalt, d. h. ein sicherer Ort, ein Unterschlupf, die Stütze der res publica und des Gemeinwohls.

Übersetzung aus dem Polnischen: Jutta Wiedmann, Polen.pl